Ökologischer Landbau: Mit Sicherheit nachhaltig!

Podiumsdiskussion am Zentral-Landwirtschaftsfest München, 19.09.2000, Halle 9, 14:00 Uhr

Statement von Prof. Dr. U. Köpke, Institut für Organischen Landbau, Universität Bonn

 

Ökologischer Landbau: Die nachhaltigste Form der Landwirtschaft


Die Kriterien der Nachhaltigkeit sind meßbar und bewertbar. Daraus ergeben sich eindeutige Unterschiede für die verschiedenen Landwirtschaftsformen. Der Ökologische Landbau gilt zurecht als Leitbild für nachhaltige Landwirtschaft. Diese definiert sich aus der Zielerfüllung nachfolgend gelisteter Forderungen.

Ressourcenverbrauch einschränken

Durch Ökologischen Landbau läßt sich der Einsatz fossiler Energie flächenbezogen um mehr als 60 % reduzieren. Bezogen auf den Frischmasseertrag ergeben sich etwas geringere Einsparungen (Spannweite produktbezogen zwischen 20 und 70 %) im Vergleich zum konventionellen Landbau. Der Ökologische Landbau akkumuliert bei deutlich geringerem Einsatz von Rohphosphaten weniger Phosphat im Boden und zeigt in der Regel eine ausgeglichene P-Bilanz oder baut hohe Gehalte des Bodens durch höhere Aktivität in der Rhizosphäre ab.

  • Klimaschutz verbessern - Emission der Treibhausgase mindern

Im Vergleich zu konventionellen Haupterwerbsbetrieben werden die flächenbezogenen CO2-Emissionen durch ökologische Landbewirt-schaftung um etwa 60 % vermindert. Die CO2-Rückbindung in der Sproß- und Wurzelmasse der Haupt- und Zwischenfrüchte sowie der Begleitflora ist im Vergleich zum konventionellen Landbau gleich hoch.

Die Emissionen des klimarelevanten Distickstoffoxids (N2O) sind direkt von der Menge des zugeführten Stickstoffs (mineralische und organische Düngung sowie N2-Fixierung) abhängig. Die Forderung zur Reduktion der N2O-Emissionen aus Ackerflächen können durch den Ökologischen Landbau wegen des Verzichtes auf mineralische N-Dünger leichter erfüllt werden als durch die derzeit bekannten Vermeidungsstrategien des konventionellen Landbaus.

In Westeuropa stammen über 17 % der Methanemissionen (CH4) aus tierischen Exkrementen, 2/3 davon aus Güllesystemen. Die Methankonversionsfaktoren werden für Flüssigmist mit 10 %, für Festmist und Weide dagegen mit nur 1 % angegeben. Wegen des im Ökologischen Landbau geringeren Viehbesatzes und der Aufstallungsformen mit Einstreu und Festmist im Gegensatz zu der im konventionellen Landbau verbreiteten stroharmen und strohlosen Aufstallung mit Gülleproduktion ist auch die betriebs- und flächenbezogene Emission von CH4 vermutlich geringer.

  • Eutrophierung minimieren

Eutrophierungspotentiale lassen sich aus den N- und P- Bilanzsalden sowie NH3-Emissionen ableiten. Bilanzmäßige Überschüsse für Stickstoff und Phosphor sind im Ökologischen Landbau generell deutlich geringer oder nicht vorhanden (Verzicht auf mineralischen Stickstoffdünger, restriktiver Futterzukauf, vielgestaltige Gemischtbetriebe mit Flächenbindung der Tierhaltung).

  • Versauerung minimieren

An der Versauerung von Boden und Wasser ist die Landwirtschaft national mit etwa 25 % beteiligt. Als Umweltindikatoren werden versauernd wirkende Gase wie Schwefeldioxid (SO2), Ammoniak (NH3) oder Stickoxide (NOx) umgerechnet auf SO2-Äquivalente in Ansatz gebracht. Die Raumwirkung dieser Gase ist regional bis überregional. Minderungspotentiale einer vollständigen Umstellung auf Ökologischen Landbau wurden mit etwa 30 % berechnet.

  • Bodenschutz/Bodenfruchtbarkeit erhöhen

Bodenschutz und Bodenpflege stehen im Ökologischen Landbau im Zentrum pflanzenbaulicher Maßnahmen, da Beeinträchtigung der Bodenfunktion bspw. durch Gefügeschäden nicht in gleichem Maße wie im konventionellen Landbau durch zusätzliche Nährstoffzufuhr zur hinreichenden Versorgung der Pflanzen ausgeglichen werden können. Der hohe Anteil bodenfruchtbarkeitsmehrender Früchte sowie die Zufuhr organischer Substanz, vor allen auch in Form von Stallmist, steigert die bodenbiologische Aktivität. Bodenschutz umfaßt weiterhin ein effizientes, Belastungen vermeidendes Nährstoffmanagement und eine damit verbundene gefügeschonende Bodenbearbeitung.

Die besondere Bedeutung von Bodenschutz, Erhalt und Mehrung der Bodenfruchtbarkeit im Ökologischen Landbau wird auch im Hinblick auf die systemstabilisierende Selbstregulationsfähigkeit und Produktivität der Agrar-Ökosysteme innerhalb und abseits der Produktionsbiotope verständlich. Bodenschutz geht einher mit der Optimierung der Zielfunktionen von Trinkwasserschutz, Biotop- und Artenschutz sowie Landschaftsbild.

  • Trinkwasserschutz optimieren

Durch Verbot des Einsatzes chemisch-synthetischer Pestizide stellt der Ökologische Landbau die Neubildung pestizidunbelasteter Grund- und Rohwässer sicher und verursacht keinerlei Einträge chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel in Oberflächengewässer oder gar eine Belastung des Trinkwassers und der Nahrungsmittel.

Die im Wesentlichen aus überhöhten Düngergaben des konventionellen/ integrierten Landbaus resultierenden hohen Nitratgehalte der Grund- und Oberflächenwässer lassen sich durch Umstellung auf den Ökologischen Landbau deutlich senken. Wasserwerke fördern bereits die Umstellung auf den Ökologischen Landbau in den Wassereinzugsgebieten.

  • Artenschutz und Biotopvielfalt fördern

Vergleichsuntersuchungen zeigen, daß Ökologischer Landbau in der Lage ist, den Artenrückgang der Ackerwildflora aufzuhalten. Im Vergleich zum konventionellen/integrierten Landbau wurden stets deutlich höhere Artenzahlen im Ökologischen Landbau ermittelt, mehr Rote-Liste-Arten festgestellt und gefährdete Ackerwildkrautgesellschaften erhalten. Die höhere pflanzliche Artenvielfalt fördert direkt und indirekt die Biotopqualität der Äcker als Lebensraum unterschiedlicher, zum Teil gefährdeter Tierarten, die die Felder als Nahrungshabitat und als Entwicklungshabitat nutzen. Für die meisten feldtypischen Tierarten werden die Äcker bei heute üblicher (konventioneller und integrierter) Bewirtschaftungsintensität als "suboptimale bis pessimale" Lebensräume gekennzeichnet. Zahlreiche Untersuchungen belegen für die meisten Tiergruppen höhere, bzw. mindestens gleich hohe Aktivitätsdichten im Ökologischen Landbau verglichen mit dem konventionellen Landbau. Ökologischer Landbau zeigt, daß der Schutz der Ackerbegleitflora und Fauna und eine wirtschaftliche Pflanzenproduktion auf ein und derselben Fläche prinzipiell miteinander vereinbar sind.

  • Landschaftsbild erhalten und gestalten

Das Landschaftsbild wird durch ökologischen Landbau makroskopisch im Wesentlichen durch den Anteil von Acker- und Grünlandflächen, durch die Kulturartenvielfalt, die Verteilung der Kulturarten in der Fläche, sowie optisch wirksame Details verschiedener Kulturbiotope, aber auch agrarökologisch bedeutsame Begleitbiotope geprägt. Pionierbetriebe des Ökologischen Landbaus weisen großzügige Heckenanlagen auf, längere Zeit ökologisch bewirtschaftete Betriebe eine höhere Dichte von Feldgehölzen. Die günstige Ausbildung von Säumen und Wegrainen an ökologisch bewirtschafteten Äckern wird hervorgehoben, ebenso attraktive blütenreiche Wildkrautaspekte. Landschaftsbildprägend wirkt auch die Gestaltung der hofnahen Areale, z.B. mit Obst- und Bauerngärten. Sie wird im Ökologischen Landbau durch die dort verbreitete Direktvermarktung indirekt gefördert. Vergleichsuntersuchungen benachbarter Betriebe parameterisieren auch die harmonischere Einfügung der landwirtschaftlichen Gebäude in das Landschaftsbild durch Betriebe des Ökologischen Landbaus.

  • Globale Verantwortung wahrnehmen

Die Naturalerträge des Ökologischen Landbaus sind in Mitteleuropa etwa 1/3 geringer als in der konventionellen Landwirtschaft. Bezogen auf die bestehenden landwirtschaftlichen Überschüsse Mitteleuropas wäre die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln durch Umstellung auf Ökologischen Landbau hier nicht gefährdet. Der Hunger der ca. 800 Millionen Menschen weltweit muß, darüber besteht Einigkeit, im Wesentlichen "vor Ort" durch "Hilfe zur Selbsthilfe" gestillt werden. Rein rechnerisch steht genügend Nahrung auch für eine wachsende Weltbevölkerung zur Verfügung. In vielen Entwicklungsländern ist das Leitbild des Ökologischen Landbaus schon deshalb gültig, weil die Entwicklung der Landwirtschaft dort, basierend auf den Konzepten eines konventionellen, industriell geprägten Landbaus schon wegen des Energieverbrauches, Maschineneinsatzes und Wasserbedarfes nicht möglich ist. Konzepte des Ökologischen Landbaus, die auf tradierten Landnutzungssystemen der Tropen und Subtropen standortsspezifisch aufbauen, können den Erwerb kapitalintensiver Betriebsmittel in weiten Bereichen entbehrlich machen, die Versorgung der Bevölkerung sichern und damit die Migration der Landbevölkerung in die Städte aufhalten.

  • Sozioökonomische Leistungen erhalten und fördern

Die jährlichen Agrarberichte der Bundesregierung weisen den Ökologischen Landbau als wettbewerbsfähig aus. Neben der landwirtschaftlichen Primärproduktion integrieren die Betriebe des Ökologischen Landbaus verstärkt auch die Verarbeitung und anderes Handwerk. Mit dem höheren Arbeitskräftebedarf in den Landwirtschaftsbetrieben trägt der Ökologische Landbau über die Bevorzugung regionaler Verarbeitung und Vermarktung zur Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen im ländlichen Raum bei. Bei der Umsetzung neuartiger integrierter Landnutzungskonzepte mit Einbeziehung regionaler Vermarktung und Verarbeitung wird der Ökologische Landbau zum Teil ländergrenzenübergreifend stärker flächenwirksam (Schlechinger Tal/Kössen, Schwendt, Deutschland/ Österreich).

 

  • Schlußfolgerungen

Die ökologischen und soziökonomischen Leistungen des Ökologischen Landbaus werden auch von politischer Seite ausdrücklich gewürdigt (z.B. homepage Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten). Gerade für Gebiete mit kleinstrukturierter Landwirtschaft, deren Tradition regions- und landschaftsprägend und zudem in Bayern tourismusrelevant ist, zeigt der Ökologische Landbau als Leitbild nachhaltiger Landwirtschaft den landwirtschaftlichen Betrieben günstige Entwicklungsmöglichkeiten auf. Traditionell hat der Ökologische Landbau in Bayern eine vergleichsweise hohe Bedeutung. Seine entscheidenden Vorteile bei der Realisierung nachhaltiger Landwirtschaft verdienen noch mehr Unterstützung seitens der Verbraucher, des Handels, der Berufsverbände und der Politik.