Die Großen sind schlecht - die kleinen gut - was versteckt sich hinter dem Richtungswechsel in der Agrarpolitik?


Ulrich Köpke ( Direktor des Instituts für Organischen Landbau, Universität Bonn)
Moderation Thomas Schaaf - WDR 5 Morgenecho
Moderator:
Ändert sich etwas in der Landwirtschaftspolitik?
Köpke:
Ich hoffe, dass sich einiges in der Landwirtschaftspolitik ändert. Die Probleme, die wir derzeit haben, weisen darauf hin, dass dies Not tut.
Moderator:
Die Frage wird natürlich sein: Wie lange existiert der Druck von unten, an der Fleischtheke sozusagen. Wie lange wird das alles für die Masse der Verbraucher wichtig sein?
Köpke:
Richtig. Das ist die entscheidende Größe. Ein Nachfrage-bestimmter Markt - also die Verbraucher bestimmen die Nachfrage nach diesen Produkten - der muss sich nicht nachhaltig so auswirken, dass künftig beispielsweise mehr Produkte aus ökologischer Erzeugung gekauft werden. Das haben wir oft erlebt. Krisen schwellen auch wieder schnell ab im Bewusstsein der Verbraucher.
Moderator:
Wir müssen uns mit neuen Begriffen befassen. Biologisch, dynamische Landwirtschaft, das ist vielen doch geläufig. Was ist Organischer Landbau?
Köpke:
Ja, der Organische Landbau, das ist eine Besonderheit im ökologischen Landbau, eine begriffliche Besonderheit. Es ist dort ausgedrückt, dass die landwirtschaftlichen Betriebe des ökologischen Landbaus sich insbesondere auf ein besonderes Organisationsprinzip orientieren. D.h., eine weitgehend in sich geschlossene Betriebsorganisation. Das soll darauf hinweisen, dass diese Betriebe von industriell erzeugten Produkten weitgehend unabhängig sind. Das ist ja mit den Begriffen "industrialisierte Landwirtschaft" und im Extrem mit dem Begriff "Agrarfabriken" jetzt in die Diskussion gekommen. Der übliche Landbau ist von solchen Vorkettenprodukten, d.h., der Zuliefererindustrie und den Dasein-erzeugten Produkten sehr stark abhängig.
Moderator:
Z.B. Futtermittel.
Köpke:
Futtermittel ist unser derzeitiges Problem. Aber dazu gehören auch andere Betriebsmittel, beispielsweise industriell erzeugte Düngemittel, Wachstumsregler, Pflanzenbehandlungsmittel, Tierarzneimittel und so fort.
Moderator:
Und das soll er möglichst alles selbst produzieren?
Köpke:
Na, ja, man darf da nicht in ein Extrem fallen. Nur der ökologische Landwirt, der zeigt dies. Wenn Sie den Organischen Landbau anschauen, dann sind dies im Ideal landwirtschaftliche Gemischt-betriebe, wo pflanzliche Erzeugung, Feldwirtschaft und Tierhaltung in einem Betrieb oder in einem Organisationszusammenhang stehen. D.h., der Futterbau und die Stallmistkette verknüpfen diese beiden Bereiche. Und dies hat sich in einer industriell bestimmten Landwirtschaft auseinandergelegt. Deshalb haben wir ja Probleme. Wir haben Probleme, dass stark viehhaltende Regionen Nährstoffüberschüsse haben. Wir haben als Folge "Gülletourismus", wie das der Journalist bezeichnet. "Güllebörsen", Ferntransporte von Produkten, die im Organischen Landbau nicht anfallen, weil innerbetrieblich in den geschlossenen Nährstoffkreisläufen diese Produkte rückgeführt werden auf die betriebseigene Fläche.
Moderator:
Es taucht ja in diesen Tagen häufig die Gleichung auf: Klein gleich gut, groß gleich schlecht. Muss ein Betrieb, der nach dem Prinzip des Organischen Landbaus wirtschaftet, notwendig klein sein?
Köpke:
Nein, das ist nicht richtig. Sicherlich ist da ein gewisser, begrifflicher Mix im Augenblick in der Presse auch vorhanden. Ich will noch mal auf den Begriff der Agrarfabrik kommen: Das ist meines Erachtens zunächst ein Missverständnis. Ein medienwirksamer Begriff, eine begriffliche Verkürzung eines umfassenderen Problems. Nämlich der industriellen Abhängigkeit, die immer mehr zunimmt in der Landwirtschaft. Die Betriebsgröße hat damit nichts direkt zu tun. Gleichwohl, je größer die Betriebe und je einseitiger sie strukturiert sind, je mehr zeigen sie auch, dass sie einer industriell orientierten Denkweise unterliegen und auch industriell abhängig sind. Ein Extrem beispielsweise, wir haben in Mecklenburg-Vorpommern eine Anlage, eine Rindermastanlage, die hat mehr als 20.000 Tiere, dort werden pro Woche 250 Schlachtbullen und mehr vermarktet. Eine solche Einheit ist abhängig von der Vorkette und kann auch flächengebunden kaum durchgeführt werden auf lange Sicht. D.h., hier haben Sie es mit Extremen zu tun und wenn Sie, die Holländer basteln ja derzeit an einem neuen Image, wenn Sie nach Holland schauen, hier ist ja ein neues Projekt, eine wirkliche Agrarfabrik im Entstehen, jedenfalls in der Planung, hier soll mehrstöckig Schweinehaltung, Hühnerhaltung, ja, Fische sollen in einem Komplex mit vielen tausend Tiereinheiten erstellt werden. In sich geschlossen - diesen Gedanken hat man übernommen - aber wahrhaft eine Agrarfabrik.
Moderator:
Wie groß ist denn der Anteil der Betriebe, für die der Organische Landbau eine realistische Perspektive bietet an der Gesamtzahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland?
Köpke:
Alle Betriebe, die es von ihrer derzeitigen Struktur vergleichsweise einfach haben, umstellen zu können, das wären zunächst einmal die landwirtschaftlichen Gemischtbetriebe, wo also Viehhaltung, Rinderhaltung insbesondere vorhanden ist. Futterbau also erfolgt, innerbetrieblich das Futter erzeugt wird und eine flächengebundene Tierhaltung schon vorhanden ist. Die haben es vergleichsweise einfach, umzustellen. Betriebe, die sich einseitig mit hoher, spezieller Intensität auf bestimmte und nur wenige Produkte ausgerichtet haben, reine Ackerbaubetriebe, haben es schwerer, auch Betriebe, die lediglich sehr stark durch Viehhaltung dominiert sind, haben es schwerer. Die letzteren müssten entsprechende Kooperation mit anderen Betrieben suchen, die auch über entsprechende Flächen, also pflanzliche Erzeugung, verfügen.
Moderator:
Agrarrecht, das müssen wir zum Schluss noch kurz ansprechen, ist zum größeren Teil EU-Recht. Lassen sich solche deutschen Wendepläne, wenn sie denn so konkret tatsächlich werden, damit in Einklang bringen?
Köpke:
Da sehe ich gar kein Problem. Sie müssen auch sehen, dass die EU mit ihren Verordnungen, die den ökologischen Landbau ja regulieren, mit Gesetzeskraft ordnen, dass hier die EU viele Vorleistungen gebracht hat und bedenken Sie bitte, der derzeitige Agrarkommissar Fischler war österreichischer Landwirtschaftsminister und in seiner Zeit wurde die Wende, wenn ich so sagen darf, in Österreich eingeleitet. Wir haben derzeit einen Flächenanteil von bis zu 10 % in Österreich. D.h., man ist nicht nur in Österreich, auch in der Schweiz und in Schweden kurz vorm Überschreiten dieses Flächenanteils von 10 %. Da ist der Bundesanteil in der BRD mit etwa 2,4 % noch vergleichsweise gering. Also, da gibt es keine Hindernisse, im Gegenteil. Die EU hat alles eingeleitet, was praktisch jetzt auf nationaler Ebene umgesetzt werden kann und von daher bin ich optimistisch. Da gibt es keine Hindernisse.
Moderator:
Wie könnte eine Wende in der Agrarpolitik aussehen? Dazu hörten wir den Direktor des Instituts für Organischen Landbau in Bonn, Prof. Ulrich Köpke, ich danke Ihnen.